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Archiv für den Monat August 2009

Kulturen am Fluss

geschrieben am 31. August 2009 um 00:15 von 4x4eastward

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Während der Dnjestr von seiner Quelle in einem weiten Bogen nach Norden und Nordosten fließt, bevor er sich dann endlich für seine Hauptrichtung Südost entscheidet, kürzen wir in den nächsten Tagen diesen Bogen ein wenig ab. Das bringt uns durch die ukrainische Öllandschaft, was nicht nur an den zahlreichen Förderpumpen, sondern auch am Geruch über der Landschaft unschwer zu erkennen ist. Trotzdem sind wir erstaunt, wie anders doch die Ukraine sein kann, als wir aus den bergigen Gefilden hinaus in die Ebene mit ihren Städtchen kommen. Das Land wird flacher, fast schon flach wie ein Brett und die Städtchen werden reicher, was nicht nur an den ersten Supermärkten zu bemerken ist. In Truskawiec, das vor dem II. Weltkrieg zu den grössten Kurorten Polens gehörte, stehen zahlreiche vielgeschossige Hotelneubauten, die zur Nutzung der Thermen und Solbäder einladen. Doch wir fahren weiter und treffen wieder auf unseren Dnjestr, der hier, östlich der Mündung des Stryj, schon zu einem richtigen Fluss geworden ist, den man nur noch per Brücke oder Fähre queren kann. Wir schlagen unser Camp direkt am Strand auf, nicht ohne noch eine gute Tat zu verbringen und ein Motorradgespann mit Anhänger aus dem steinig, sandigen Untergrund zu ziehen. Die Flusskiesel werden von den einheimischen hier abtransportiert, um sie als Fundamentsteine mit Beton vermischt, zu verbauen. Offen bleibt die Frage, ob der Anglerpfad am Fluss irgendwohin führt, doch schon am nächsten Morgen erhalten wir die Antwort. Nein, dort hinten fehlt die Brücke und es wird sehr sumpfig. Mit Pferdewagen geht das, aber eure Maschinen sind zu breit. Ihr müsst den Hang hochfahren und im nächsten Dorf am zweiten Haus fragen, die zeigen euch, wie es weitergeht, diskutieren die beiden Angler unter sich. Am zweiten Haus ist keine Menschenseele zu sehen, doch machten unsere Motoren wohl soviel Lärm, dass schon bald ein Mann, nur in Unterhosen bekleidet, zu uns eilt und fragt wie er helfen kann. Für uns folgt eine der anspruchsvolleren Strecken dieser Reise, zuerst über blühende Wiesen und ausgetrocknete Feldwege und schließlich noch durch einen Wald. Anfangs sumpfig matschig und von Holzrückern ausgefahren, wird der Weg immer enger, die Hainbuchen stehen fast zu dicht, um ohne rangieren um die Kurve zu kommen und dann eine Kreuzung mit unzähligen Möglichkeiten und alten Spuren. Wie fast immer, gab es auch hier eine „Tourismusinformation“, die wir fragen konnten. Doch weil der einsame Waldarbeiter mit seinem Pferdegespann nicht gut redete, lief er einfach 500 Meter vor uns her, um uns den richtigen Weg zu zeigen. Der verwandelte sich auch bald in ein Gestrüpp, in dem die Äste so dicht beieinander hingen, dass man nicht mehr sah, wo es weiter geht. Ich glaube vor Schreck hat auf diesen Wegen keiner mehr fotografiert und alle waren froh, als gefühlte Stunden später wieder ein Dorf vor uns auftauchte.

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Entspannung fanden wir nur wenig später in Halitsch, einer kleinen, geruhsamen Kreisstadt am Dnjestr und im unweit der Stadt gelegenen im Aufbau befindlichen Freilichtmuseum. Übrigens sagt Wikipedia:Halytsch (ukrainisch Галич; polnisch Halicz; deutsch Halitsch, jiddisch העליטש/ Heylitsch) ist eine Kleinstadt in der Westukraine.

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Die Vielzahl der Namen für eine Stadt zeigt auch die Vielzahl der Kulturen, die hier einstmals lebten oder noch leben. Und so ließen wir es uns natürlich nicht entgehen, den alten karaimischen Friedhof vor den Toren der Stadt zu besuchen. Auf diesem außerhalb der Krim einzigartigen Friedhof stammt das älteste Grabmal aus dem 17. Jahrhundert. Die Karäer sind eine turkstämmige und dem Judentum verwandte Volksgruppe, die im 14. Jahrhundert von der Krim nach Galizien eingewandert war. Auch ein Besuch der bereits von weitem sichtbaren, aus weißem Kalkstein gebauten Skt. Pantaleon Kirche, deren Anfänge aus dem 12. Jahrhundert stammen dufte nicht fehlen, zumal die kleinen, in den weichen Stein geritzten „Graffitis“ vergangener Jahrhundert, schon einen Blick wert sind. Ach fast hätte ich es vergessen, da war ja noch dieser andere Friedhof, den wir fanden, weil er direkt an unserem Weg lag, als wir in ein Dorf einfuhren, das übersetzt “Deutsche” hiess. Grabmäler, wie auch Häuser erzählten die Geschichte eines deutschen Kolonistendorfes am Dnjestr. Blieb noch für den Abend die tägliche Suche nach einem geeigneten Lagerplatz, die sich aber, wie immer als leicht herausstellte.
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Ab duch die Mitte

geschrieben am 30. August 2009 um 20:05 von 4x4eastward

Wo liegt sie eigentlich die Mitte Europas? Für den einen ist es Brüssel, dem anderen scheint sie in Straßburg zu liegen, wieder andere sehen sie in Moskau, in Warschau oder Berlin. Gestoßen wurden wir auf diese Frage in der Stadt Czervitski oder hiess sie Czernowicz? Einer Stadt an der ukrainisch-rumänischen Grenze, die sich selbst als das Mitte Europas darstellt. Eines alten Europas aus Zeiten als die Vorhänge noch nicht aus Eisen geschmiedet waren. Aber das war bereits auf unserem Rückweg von einer Reise durch die Mitte.

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Kehren wir also an den Anfang zurück, den Anfang einer Expedition in ein unbekanntes Europa und an den Anfang des Dnjestr. Ein Fluss, dessen Geschichte so alt ist wie die des Rheins, nur das man sie uns Westeuropäern ganz einfach nie erzählt hat. Heute Grenzfluss zwischen der Republik Moldava und der Ukraine, war er in seiner Geschichte Siedlungsraum der alten Griechen und Römer, Grenze zwischen dem Osmanischem Reich und der polnisch-litauischen Krone, oder einfach eine der vielen natürlichen Barrieren, die von Tataren und mongolischen Horden überrannt worden sind.

Wir trafen uns also im äußersten Südosten Polens, unweit der ukrainischen Grenze und schon tauchte das erste Problem auf. Wer mit seinem Auto in die Ukraine reisen will, der braucht eine „Grüne Versicherungskarte“ und die muss auch noch gültig sein. Mit etwas gutem Willen aller Seiten ließ sich auch dieses Problem beheben wir durften alle drei einreisen. Es war später Nachmittag geworden und so hiess es für uns, nach etwa 30 Kilometern Landstrasse erst einmal einen Biwakplatz für die Nacht zu suchen. Kaum hatten wir angehalten, als auch schon ein ukrainischer Grenzschützer in seinem Privatauto anhielt und uns den Tipp gab, noch zwei Kilometer weiter zu fahren, da fände sich eine nette, ebene Wiese. Nun die erste Nacht sollte also neben der Strasse sein, aber das heißt am nördlichen Rand der Karpaten nicht allzu viel. Überhaupt scheint das Wort Strasse hier ein äußerst dehnbarer Begriff zu sein und ist wohl eher von Kartografen, als von Straßenbauern geschaffen. Trotzdem kamen wir uns, angesichts der ukrainischen Fahrzeuge denen wir in den nächsten Tagen begegneten, mit unseren Geländewagen oftmals vor, wie eine Herde von Dinosauriern beim Seifenkistenrennen.

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Tag Zwei unserer Expedition entlang des Dnjestrs sollte uns zu seiner Quelle führen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn wo ist sie eigentlich. In der Nähe der kleinen Stadt Turku, etwa auf gleicher Höhe mit Sanok, mitten im Wald der nördlichen Vorkarpaten, aber das wissen wir erst seitdem. Denn aus diesem Wald kommen mindestens 5 Bäche und welcher nun der Dnjestr sein soll, darüber informiert eine kleine, kaum noch erkennbare und schon gar nicht leserliche Blechtafel mit kyrillischen Buchstaben. Doch zuvor mussten wir einige Wege fahren, die schon an die Karpaten erinnern, ausgefahrene Spurrillen von ungeahnter Tiefe, steinige Furten und staubige Dorfstrassen brachten uns schließlich zu einigen Pferde- und Kuhhirten, die wir nach der Quelle fragten. Gefragt, getan, einer stieg kurzerhand bei uns ein und führte uns sicher die letzten drei Kilometer zu dem kleinen, grünen Quellenhäuschen. Auch dass wir unser Lager auf ihrer Almwiese aufschlagen wollten, stieß nicht auf Verwunderung, schließlich war der Blick zurück auf die polnischen Bieszczady mehr als berauschend. Da wussten wir noch nicht, dass die ukrainischen Cowboys und -girls, auch in uns eine willkommene Abwechslung sahen. Sie müssen von diesen drei verrückten Autos dort oben auf der Alm erzählt haben, als sie abends wieder in ihr Dorf kamen, denn noch vor Sonnenuntergang kam eine Gruppe junger Cowboys im vollen Galopp auf unsere kleine Zeltburg zugeritten, sprang ab, band die Pferde fest und kam auf uns zu. Selbst unser Wachhund hatte sich sicherheitshalber zurückgezogen, bei soviel John Wayne Flair. Doch statt eines Colts wurden Hände gereicht und ein allseitiges Hallo setzte ein. Albert griff in die schier unerschöpfliche Kühlbox seines Defenders und so bewirteten wir unsere Gäste mit Radebrechen und ein paar Dosen Bier. Sie erzählten wie ein Buch in einer bunten Mischung aus ukrainisch und russischen Sprachfetzen, durchsetzt mit einigen Brocken Polnisch und sogar Englisch oder Deutsch, wir versuchten es mit Englisch, Deutsch und unseren sehr unterschiedlichen Talenten in slawischen Sprachen.
Doch schon bald hatten wir unsere Welt wieder für uns alleine, den Blick auf die Berge, das Lagerfeuer zu unseren Füssen und hinter uns den Wald in dem vielleicht noch Wölfe und Bären leben könnten, wenn…

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Überall in der Westukraine finden sich die Zeichen der Staatsforst, grün-weiße Pfosten und Namenschilder der Reviere. Und ebenso finden sich überall Tafeln auf denen Hirsche, Rehe und andere Tiere abgebildet sind. Nur fast noch häufiger sieht man auch die Verbotstafeln, die da heißen, nicht Schiessen, nicht Angeln, kein Holzeinschlagen. Hier am Rande der Karpaten befinden wir uns in einer der ärmsten Ecken dieses riesigen Landes und auf unsere Frage, wovon die Menschen hier leben, gibt es immer wieder die eine Antwort, von dem Familienmitglied, das im Ausland Geld verdient. Noch banaler ist die Antwort auf die Frage, warum wir keine Wildtiere sehen. Sie lautet ganz einfach, die sind schon gegessen. Das wird auch von den Biologen bestätigt, die die immer kleiner werdenden wildlebenden Wisentherden

 

Nun erst recht

geschrieben am um 18:44 von 4x4eastward

Es hat nicht sollen sein, die Erstellung eines Liveblogs blieb mir verschlossen und, ich gestehe es ehrlich ein, ich habe die 5 internet-freien Wochen richtig genossen.

Nur zur Erinnerung, das Thema unserer Reise war der Fluss Dnjestr, der 1370km lang ist und von den Karpaten ins Schwarze Meer fliesst. Diesem Fluss haben wir versucht zu folgen. Wir das waren 3 Autos mit insgesamt 6 Menschen und einem kleinen Hund.

Wovon es noch zu erzählen gibt: Von netten Menschen, geschlachteten Ziegen, geschenkten Tomaten, alten Kirchen, Felsenklöstern, Kalaschnikowträgern, Wein in Plastikflaschen, Wassermelonen,Bienenfressern, Säbelschnäblern und Blauracken, ach was, das geht einfach nicht alles auf einmal und ich werde mich anstrengen und Stück für Stück hier einen Bericht von unserer Reise einstellen.

Und dann war da ja auch noch die Rückfahrt, wieder von der Ukraine nach Moldavien und wieder in die Ukraine und dann nach Polen, nur um 3 Tage später wieder aufzubrechen in die Ukraine, durch die Karpaten in die Slowakei und wieder nach Polen, aber das ist schon wieder eine ganz andere Reise mit ganz anderen Leuten.

Hier also ersteimal ein paar Bilder von unserer Expedition von den Karpaten bis ans Schwarze Meer:

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