Nun ändert sich die Landschaft wieder. Die Ebene weicht den Hügeln der Podolischen Platte, einer etwa 400 Meter hohen, vor Jahrmillionen entstandenen Kalkablagerung, die sich von den Karpaten bis zu den Steppen des Südens hinzieht. Auch unser Fluss schneidet sich durch dieses Land und bildet dabei einen eindrucksvollen Canon. Doch wir weichen erst einmal ab vom Dnjestr und steuern ein Dorf an, das Ivano Puste heisst, was soviel wie „Ohne Iwans“ bedeutet. Die waren in grauer Vorzeit alle an einer Seuche gestorben und so entstand der Name. Auf uns aber warten sie, die Ivans, der Senior, der polnisch sprachige und der Sohnemann. Doch noch besser vorbereitet war Hala, Ivans Ehefrau und im Normalleben Biologielehrerin, wie auch ihre Schwester.

Sie bereiteten uns ein fürstliches Mal aus lauter ukrainischen Spezialitäten, während wir im Hof des kleinen Anwesens unser Camp aufschlugen.

Es verstand sich fast von selbst, dass wir bei soviel erlebter Gastfreundschaft nicht schon am nächsten Tag weiter reisten und so stieg Ivan der Mittlere in unser Auto um uns die Umgebung seiner Ukraine zu zeigen. Die Fahrt führte uns zuerst nur einige Felder weiter, wo jeden Samstag auf einer grossen Freifläche Bazar gehalten wird. Und was hier nicht alles angeboten wurde. Da gab es frische Tomaten und Autoteile, Melonen und Herdplatten, Entenküken und Schweinespeck, Fahrräder und Grabplatten, Ziegelsteine und Brennholz. Wir füllten unsere Proviantkisten, jeder mit anderen Köstlichkeiten.

Auf dem Bazar


Die Stadt Kamieniec Podolski

Die Festung Kamieniec Podolski
Danach landeten wir auf einer wunderschönen Burgruine, dann in einer der grössten Höhlen der Ukraine und nicht zuletzt im Städtchen Kamienic Podolski, das sogar von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Hier war es auch, dass wir auf einem ehemaligen Minarett die Figur einer Madonna sahen, ein Ergebnis des Friedensvertrages zwischen Türken und Europäern, gegenseitig die religiösen Symbole zu achten. Doch ein solcher Vertrag stammt aus einer Jahrhunderte entfernten Vergangenheit. Ja und am Abend dieses ereignisreichen Tages hiess es dann,wollen wir Schaschliks grillen und natürlich die von fleissigen Händen geformten Piroggen essen.

Ivan der Mittlere, Ivan der Jüngere und die Schaschliks

Kein Entkommen, der Senior rief selbst in der Dunkelheit noch die Dorfjugend an, damit sie uns mit ihrem Ghettoblaster ukrainische Schlager vorspielen konnte. Doch die Frauen setzten dem ganzen die Krone auf und kleideten einige von uns in die uralten Trachten, die ukrainische Bräute noch heute tragen, wenn sie durchs Dorf gehen, um zur Hochzeitsfeier zu laden. Dieser Abend endete spät und trotz aller Sprachprobleme redeten alle ohn Unterlass, Völkerverständigung pur. Fast schwer fiel es allen, am nächsten Morgen weiter zu reisen und nicht den lieben Gott einen guten Mann und Odessa Odessa sein zu lassen nach soviel erlebter Gastfreundschaft. Aber wir kommen wieder, das zumindest haben wir uns in die Hand versprochen.
Nun ging es weiter die paar Kilometer zurück zu unserem Fluss, doch der Blick in das Land war nun ein anderer geworden. Eine solche Gastfreundschaft muss man ersteinmal erlebt haben und auch das Ziegenschaschlik, aus einem Ziegenböckchen, das noch niemals Gras gefressen hatte und das bereits Tage vorher für die Gäste mariniert und vorbereitet worden war, muss man erstmal genossen haben. dann verändert sich der Blick in das Land. Nun versteht man das Plumpsklo, die nicht vorhandene Müllentsorgung, die vielen vorher vernachlässigt aussehenden Häuser, die alten Autos, die schlechten Strassen. Wer kann sich schon bei einem Einkommen von 1500 Hrywna einen neuen Wagen leisten, wenn ein Liter Benzin mehr als 5 Hrywna kostet. Umso erstaunlicher die Leistung eines solchen Dorfes, das in gemeinsamer Arbeit sich selbst eine grosse Kirche gebaut hat. Jeder trug sein Schärflein bei, die einen durch harte Arbeit, andere durch Material, wieder andere durch Bekochen der Bauarbeiter. Heute steht sie und ist allen ein Zeichen der Gemeinsamkeit, aber auch des gemeinsamen Stolzes, das haben wir geschafft. Und natürlich auch ein wenig zu Ehren Gottes.

Der Dnjestr den wir nun wieder erreichen hat hier eine Breite von etwa 200 Metern, zu beiden Ufern von hoch aufragenden Kreidefelsen begrenzt. Direkt am Ufer treffen wir auf zahlreiche Camper, Ukrainische Familien, die hier ihre Ferien mit Zelt und Angel verbringen. Wildcampen ist nicht nur unsere Art des Übernachtens, sondern in einem Land fast ohne Campingplätze allgemein üblich, zumindest auf nicht privatem Grund.
Weiter ging es zumeist auf der Strasse, weil wir uns für heute noch den Grenzübertritt nach Moldavien, also in die Republik Moldau, vorgenommen hatten. Doch zuvor ist noch von einer kleinen Gruppe schreiender Babuschkas zu berichten, die mitten im Wald versuchten, uns davon abzuhalten durch den verschlammten Weg zu fahren. Erfolglos, wie die Bilder beweisen.

Hier nicht lang, das geht nicht

Geht nicht?

Geht doch!
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